Montag, 13. April 2009

Die Mistel...

Die Mistel - eine alte Zauber- und Heilpflanze

Besonders im Winter fallen uns auf entlaubten Bäumen kugelförmige Büsche auf. Es sind Sträucher der Mistel (viscum album), deren gelbgrüne Stengel sich halb gabelig verzweigen und lanzettliche bis spatelförmige, etwas gedrehte Blätter tragen. Jede Gabelung entspricht einem Jahrestrieb. Die Mistel ist eine halbschmarotzende Pflanze. Im Dezember reifen die fleischigen, weißen, erbsengroßen Früchte. Der Samen wird von Vögeln mit deren Kot auf neue Bäume getragen.Die Mistel, von der es etwa 1400 Arten gibt, wächst meist hoch oben in den Wipfeln der Bäume. Wo man auch leben mag, in Senegal oder in Schweden, in England oder in Japan, überall hängen Misteln zwischen Himmel und Erde. Wenn die übrige Natur ihr Winterkleid anlegt oder sich zum Winterschlaf in die Erde verkrochen hat, ist die Mistel eine wahre Augenweide. Im nahen Osten sind die Mistelbeeren gelb, rot oder orange. In der Regel stirbt die Mistel erst, wenn der Wirtsbaum stirbt. So schätzten Forstleute das Alter einer Mistel, die auf einer Zeder wuchs, auf 400 Jahre.Sie bleibt von Insekten verschont, die Winde können ihr nichts anhaben, und sie ist sowohl gegen Winterfrost als gegen ausdörrende Hitze gefeit. Bei uns reifen die Beeren der Mistel im Dezember, wohl deswegen wurde sie u. a. zum Weihnachtsbrauch genommen. Schon bei den Feiern der altgermanischen Wintersonnenwende spielten Misteln eine wichtige Rolle. Und noch heute brennt während der Weihnachtstage in ganz Skandinavien der hölzerne Julbock, dessen angekohlte Reste früher zum Schutz für das Haus aufbewahrt wurden.Das Holz stammt von einem Baum, in dessen Zweigen die Mistel wächst. In der englischen Grafschaft Staffordshire würde man keinen Bissen vom Weihnachtspudding genießen, wenn die darunter brennende Flamme nicht von Mistelzweigen genährt würde. Aber kaum eine andere Pflanze gibt es solch ausgedehnte mythologische Erzählungen wie über die Mistel. Den Germanen und Kelten galt die Mistel als zauberkräftig und war neben dem Eisenkraut die wichtigste Zauberpflanze. Sie war die geheimnisvolle Pflanze der Druiden. Aus ihr bereiteten sie jene Zaubermittel und Getränke, die Kraft, Mut und Unbesiegbarkeit verliehen, Krankheiten heilten, Mensch und Vieh fruchtbar machten. Als Amulett getragen, bringt sie Glück, man verwendet sie als Heirats- und Liebessegen. Die immergrüne Pflanze gilt als Symbolpflanze der Wintersonnenwende. Die Sagen um den Mistelzweig reichen weit zurück. Die dramatischste Sage ist die von Baldur, dem nordischenGott der Sonne und des Sommers. Der Vegetationsgott träumte Nacht für Nacht, er würde einmal ermordet werden. Seine Mutter Frigga nahm das für ein böses Vorzeichen. Sie suchte die gesamte beseelte und unbeseelte Natur auf - Steine und Metalle, Wasser und Feuer, Tiere und Pflanzen - und ließ sich von allen versprechen, daß sie Baldur nichts antun würden. Den Mistelzweig ließ sie aus. Als der eifersüchtige Gott Loki davon erfuhr, gab er Baldurs blindem Bruder Hödur einen Pfeil aus Mistelholz, der Baldur traf und tötete. Seltsamerweise ist ein ähnlicher Mythos auch in Afrika heimisch, wo viele Stämme glauben, ihre Häuptlinge könnten nur durch einen Pfeil aus Mistelholz getötet werden.Schon immer wurde die Pflanze wegen ihrer geheimnisvollen Zauberkräfte verehrt. Die alten Griechen betrachteten sie als ein Mittel gegen Gift. Andere Völker glaubten, sie könne Schlösser aufbrechen und vor Feuer und Krankheiten schützen, und über den Zimmertüren hingen Mistelzweige zum Schutze gegen böse Geister.Seit dem Mittelalter galt die Mistel als ein Mittel gegen Epilepsie und Schwindelanfälle. Sebastian Kneipp pries ihre Wirkung gegen Fallsucht. In letzter Zeit vertraut auch die moderne Medizin verstärkt auf die Mistel. Die Mistel ist wohl das beste pflanzliche Herz- und Kreislaufmittel, das es gibt. Blätter und Preßsaft der Pflanzen enthalten einen Stoff, der den Blutdruck senkt. Sie gilt als krebsverhütend und krebsentgegenwirkend.Allgewaltig scheint die Kraft der Mistel zu sein, und man kann mit Shakespeare übereinstimmen, der über Heilkräuter sagte: "Gar große Kräfte sind 's, weiß man sie recht zu pflegen, die Pflanze, Kräuter, Stein in ihrem Inneren hegen."Plinius sagte, die Gallier hätten die Mistel ein Allheilmittel genannt; diese Bezeichnung hat sich in gewissen keltischen Dialekten gehalten. Auf irisch heißt die Mistel "utile i ceath" und auf walisisch "oll iach", das heißt Allheilmittel. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts galt dem Botaniker P. Lesson in Saintonge die Mistel, als Tee eingenommen, ebenfalls als Mittel gegen Beschwerden. Mehr als 2 600 Jahre haben die Kräfte, die ihr die Gallier zuschrieben, nicht gemindert, und täglich wird das Kraut gegen die schwersten Krankheiten gebraucht. Tatsache ist, daß die Mistel bis ins 18. Jahrhundert hinein in Arzneibüchern Englands und Hollands als Mittel gegen die Epilepsie aufgeführt wurde. Ihre Wirkung wurde von Frazer wie folgt erklärt: "Da die Mistel nicht auf der Erde wurzelt, so scheint daraus zu folgen, daß ein Epileptiker unmöglich hinfallen kann, solange er ein Stück Mistel in der Tasche mit sich herumträgt, oder Abkochung aus Mistel im Magen hat."Der Umstand, daß die Mistel beim Ernten nicht auf die Erde fallen darf, unterstützt diese Ansicht ebenso wie das Verbot, ein Werkzeug aus Eisen zu benützen, das in den meisten Riten vorkommt, nicht nur, weil das Eisen (verhältnismäßig) neu war, sondern weil es angeblich die Geister, damit aber auch die magischen Kräfte der Pflanzen, vertrieb. Frazer wußte allerdings nicht, daß seine ironisch gemeinte Erklärung mit den Prinzipien der Lehre von der Signatur vollkommen übereinstimmt, die während des ganzen Mittelalters die Heilkunst beeinflußte. Sie wurde Ende des 16. Jahrhunderts von Giambattista della Porte, einem berühmten italienischen Arzt, in seinem Werk "Magis naturalis", das selbst moderne Psychotherapeuten heute wieder mit Gewinn konsultieren, systematisch dargestellt.Bei den Kelten galt die Mistel generell als Bringerin der Fruchtbarkeit, bei Frauen, als auch bei dem Vieh, weil sie den allmächtigen Samen des Gottes darstellte und somit dessen Gegenwart auf der Eiche, dem heiligen Baum der Kelten, bestätigte. Die zähflüssige Konsistenz und die weißliche Farbe des Fruchtfleisches lassen tatsächlich an Sperma denken. Die Mistel, die nur selten auf Eichen wächst, wurde von den Druiden, wie Plinius schreibt, als Zeichen dafür angesehen, daß der Baum durch den Gott auserwählt war. Man wußte, daß in Wirklichkeit der Samen von Vögeln auf den Baum getragen wurde, aber dies widerlegt ihren himmlischen Ursprung keineswegs.Der Brauch der Neujahrsmistel ist in ganz Frankreich lebendig geblieben. In der Sylvesternacht tauscht man genau um Mitternacht, wenn das neue Jahr beginnt, unter Büscheln mit Misteln und deren Frucht, gute Wünsche aus.
hukwa
Dieser Artikel ist in der Zeitschrift "Der Runenstein" erschienen.

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