Mittwoch, 11. Februar 2015

Der alte Keiler aus dem Bergwald

Wenn ende Oktober bis Anfang November der Raureif den Bergwald verzaubert, beginnt für den alten Keiler, der hier lebt, die Rauschzeit. Die meiste zeit des Jahres lebt er als Eremit in diesem großen Waldgebiet. Heimlich, scheu, unstet und vorsichtig, durchstreift er seit Jahren schon die Wälder. Ruht heute im Fichtendickicht, dann wieder im Schilf des großen Waldsees, morgen im Getreidefeld am Waldrand. Der Alte ist schlau wie ein Fuchs und ein erfahrener Waldgänger und Vorsicht ist sein oberstes Gebot, sonst hätte der Jäger ihn längst schon erwischt. Neben dem alten Platzhirsch ist er der „zweite König“ des Bergwaldes.
Schon Anfang September legt er sich den sogenannten Schild zu, eine von der Schultergegend bis zu den letzten Rippen reichende, mehrere Zentimeter dicke, derbe Platte, die durch Wucherungen des Bindegewebes entsteht. Diesen Schutzschild verstärkt der Alte noch dadurch das er sich regelmäßig an harzigen Bäumen reibt und deren Harz an sich „schmiert“.
Wenn es auf ende Oktober zugeht dann gibt er sein Einzelgängertum auf und erscheint plötzlich bei den Rotten der Bachen und Jungtiere. Den zwei bis dreijährigen Keilern die sich bei den Rotten befinden gibt er mit groben Püffen zu verstehen, dass sie jetzt besser verschwinden sollen.
Seine „Waffen“ sind seine scharfkantigen Eckzähne des Unter- und Oberkiefers, sie sind seine wirkungsvollsten - wie der Name schon sagt – Waffen. Taucht nun ein anderer Keiler auf dann geht es ums Ganze. Kopf – gegen Kopfseite oder Kopf – gegen Körperseite versuchen sich nun die Keiler mit blitzschnell von unten nach oben geführten Schlägen zu verwunden. In der Regel werden diese Angriffe mit den Waffen des Gegners abgefangen oder sie treffen die unverwundbare Schilde. Natürlich fließt dabei der Schweiß, so nennt man das Blut der Wildschweine. Über tödliche Ausgänge bei solchen Kämpfen berichtet lediglich das phantasievolle Jägerlatein. Irgendwann räumt der Schwächere das Feld.
Nach der Paarung zieht sich der Alte wieder in sein Eremitendasein zurück, alte Keiler lieben die Ruhe über alles. Nichts ist dem Alten vom Bergwald so zuwider, wie führende Bachen mit Frischlingen oder dass unbekümmerte Treiben in den Überläufer Rotten.
Jetzt bleibt er den Tag über wider in seiner Deckung und scheut in den Nächten das Büchsenlicht. Oft schiebt er sich dicht am rand einer Deckung ein. So kriegt er immer frühzeitig mit wenn er umstellt wird, und kann sich dann rasch in Sicherheit bringen.
Solch alte Keiler bleiben auch bei Mondlicht stets im Mondschatten, sie sind eben clevere alte Burschen.
hukwa

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