Samstag, 27. Oktober 2012

Mensch und Baum – eine uralte Beziehung



Zu jeder Jahreszeit haben Bäume ihre besondere Ausstrahlungskraft. Jetzt im Winter, da sie ohne Blätter sind, wirken sie besonders ausdrucksstark. Ja, es scheint so, als würden sie uns gerade in der kalten Jahreszeit ihr Wesen besonders ausgeprägt mitteilen. Geäder und Struktur ihrer Rinde, ihre knorrigen Äste, ihr Echsenstamm und die mächtigen Kronen können wir jetzt besonders genau studieren.


Von Anfang an scheint das Leben des Menschen mit Bäumen verbunden zu sein! Die Konturen von Bäumen sind nicht nur in der realen Landschaft, sondern auch in der Landschaft unserer Seele so deutlich eingezeichnet, dass wir ein verwandtschaftliches Gefühl für sie bekommen. Die Dichter wissen um dieses Gefühl schon seit Jahrtausenden: um das Gefühl einer Harmonie zwischen Mensch und Baum. Jaques Brosse schrieb in seiner „Mythologie der Bäume“ zu recht: „von Anfang an war das Schicksal der Menschen durch ein so enges und starkes Band mit dem der Bäume verknüpft, dass man sich fragen muss, wie es einer Menschheit ergehen wird, die dieses Band brutal zerrissen hat. Wir täten gut daran, wenn wir überleben wollen, das wiederherzustellen, was wir zerstört haben: eine Weltordnung, in der Mensch und Natur eine harmonische Einheit bilden.“

Der Baum ist ein Urbild, ein Urphänomen. Ja, er ist ein Archetyp. Seit es Literaten und Kunst gibt, teilen uns die Dichter und Künstler ihre Beziehungen zu den Bäumen mit. Homer berichtet uns im 24. Buch der „Odysee“ die Begegnung des endlich heimgekehrten Helden mit seinem greisen Vater Laertes im Baumgarten. Und Dante schildert uns in seinem 13. Gesang der Hölle, von einem Wald, der in Bäume verwandelte Selbstmörder beherberge. In Ovids „Metamorphosen“ begegnen wir einer der schönsten Baumgeschichten des Altertums, der Erzählung von „Philemon und Baucis“. In der Bibel finden wir den Baum der Erkenntnis und im Neuen Testament lesen wir vom verdorrten Feigenbaum, bei Matthäus, Markus und Lukas. Wir begegnen dem Baum in den Kulten der Germanen, Kelten, Griechen, Slawen und vielen anderen Urvölkern. Buddha fand seine Erleuchtung unter dem Feigenbaum.
Mensch und Baum, das ist eine uralte Beziehung und wenn wir diese heute etwas vertrocknete Beziehung wieder auffrischen wollen, sollten wir nicht nur den Blätterwald der Literaten durchforsten, sonder wir sollten uns aufmachen und das „Volk der Bäume“, wie ein Dichter sie einmal genannt hat, in ihrem eigenen Reich aufsuchen: in den Wäldern!!
Im Trippstadter Wald haben wir diese Möglichkeit und dazu noch eine große Auswahl an wunderschönen Bäumen! Wer mit geöffneten Augen durch die Natur wandert, kann hier noch stattliche Baumwesen finden. Und wer sein Herz für diese ehrwürdigen Gestalten öffnet, kann mit ihnen kommunizieren!


Die Erle ein alter Märchenbaum

Die Schwarzerle wächst als Baum oder Strauch an Gewässern und feuchten Stellen, wo sie mit Birken, Weiden und anderen Bäumen und Sträuchern oft weite Bruchwälder bildet. Man erkennt die Erle leicht an den rundlichen, abgestutzten Blättern und an den Knospen, die wie bei keinem anderen heimischen Baum gestielt sind. Die Erle stäubt etwa zu gleicher Zeit wie die Haselnuss. Die kleinen Stempelkätzchen, die im Gegenteil zu denen der Haselnuss frei überwintern, entwickeln sich zu zapfenartigen Fruchtständen. Ihre später verholzten Schuppen spreizen im Winter und Vorfrühling von der Achse ab, so dass die Früchte leicht ein Spiel des Windes werden. An jungen Wurzeln finden sich orangefarbene Knollen, die ähnlich wie die Knöllchen der Schmetterlingsblütler, der Pflanze stickstoffhaltige Verbindungen zuführen. Das rotbraune Holz ist gegen den Einfluss von Wasser sehr widerstandsfähig; es eignet sich daher gut zu Gruben- und Wasserbauten, wird aber auch oft von Tischler und Drechsler verwendet. Ihre besonderen Eigenschaften, vor allem die der Schwarzerle, sichern ihr eine vielseitige Verwendung. Die Fähigkeit zur Bindung von Luftstickstoff durch Symbiose mit Strahlenpilzen gibt ihr die Eignung zur Rohbodenkulivierung. Wegen ihres dichten, tiefgreifenden Wurzelwerks benutzt man sie gern zur Uferbefestigung und wegen ihres tiefen Schattens zur Unterdrückung des Krautwuchses in Gräben. Von der Schwarzerle unterscheidet sich die Weiß – oder Grauerle durch ihre ungestielten, sitzenden, weiblichen Kätzchen. Die nahe verwandte Grünerle (Alnus viridis) ist ein bis 4 m hoher Strauch mit ungestielten, spitzen Knospen. Er kommt in alpinen Gebieten vor. Eine weitere Verwandte ist die italienische oder herzblättrige Erle. Alle Erlenarten sind sehr geschätzte Pioniergehölze, da eine Erlenbestockung auf Rohböden sehr zur Anreicherung wertvoller Stickstoffverbindungen und somit zur Bodenverbesserung beitragen.

Goethe hat mit seinem Erlkönig, der Erle ein ewiges Denkmal in der Literatur gepflanzt. Er hatte das Thema seines Gedichts einem lyrischen dänischen Lied, „die Tochter des Elfenkönigs“, entnommen, das in einem von J.G. Herder zusammengestellten Volksliederbuch – dort hat es den Titel „die Tochter des Königs der Erlen“ – enthalten ist. Die dritte, revidierte Ausgabe der Sammlung, erschien 1807 unter dem Titel „Stimmen der Völker in Liedern“. Im dänischen Original geht es um den König der Elfen. Oluf begegnet bei einem nächtlichen Spaziergang Elfen. Elfen, die wie sie es gewohnt sind, auf den nächtlichen Wiesen tanzen. Die Tochter des Königs lädt Oluf zum Tanz ein aber er lehnt ab. Da gibt ihm das Mädchen einen Schlag aufs Herz, setzt ihn leblos und bleich in den Sattel und schickt ihn heim. Am nächsten Morgen sollte Olufs Hochzeit stattfinden, aber seine Braut findet ihn tot hinter einem scharlachroten Vorhang. Goethe hat dieses Thema sehr frei abgewandelt. In seiner Ballade reitet der Vater durch „Nacht und Wind“ und hält seinen jungen Sohn in den Armen. Er hat den Erlkönig gesehen und erschauert. Sein Vater ist bemüht ihn zu beruhigen, aber das Kind fährt fort, ihm zu wiederholen, was der Erlkönig ihm zuflüstert. Grauen erfasst das Kind, dass sich von allen Seiten bedroht fühlt und am Ende einen Schmerzensschrei ausstößt, weil es berührt wurde. Dem Vater, der nichts gesehen oder gehört hat, graut nun auch und er reitet so schnell er kann. Als er endlich sein Haus erreicht, ist das Kind in seinen Armen tot. Die sehr packende und dramatische Ballade Goethes verursacht, wegen des geheimnisvollen Schreckens den sie heraufbeschwört und eben genau dieser „Panik“ auf die man in Mythos und Sage immer wieder trifft, auch heute noch Herzklopfen.


Zu diesem Thema sagt Michael Tournier, der Autor eines fesselnden Werkes mit dem Titel „Roi des Aulnes“ (1970) in einem späteren Buch: Dieses Gedicht von Goethe, dessen Berühmtheit durch ein Lied von Schubert noch gesteigert wurde, war für den französischen Studenten der deutschen Sprache und Literatur das Gedicht schlechthin, ein Symbol für Deutschland. Das seltsame ist, dass dem Gedicht ein Übersetzungsfehler Herders zugrunde liegt, der die dänische Folklore in Deutschland bekannt machte. Eller, die Elfen wurden unter seiner Feder, zu Erlen , weil die Erle in dem Dialekt, den man in Mohrungen, der Geburtsstadt Herders in Ostpreußen , sprach, Eller genannt wurde. Es ist nämlich nicht sehr wahrscheinlich, das Goethe sich für den Stoff eines banalen Elfenkönigs interessiert hätte. Aber seine Phantasie entzündete sich an einer so genauen und urtümlichen Darstellung der Erle, den sie ist der schwarze und Unheilbringende Baum der stehenden Gewässer, so wie die Weide der lichte und freundliche Baum der fließende Wasser ist. Die Erle im Sumpf beschwört das Bild der nebelverhangenden Ebenen und des trügerischen Bodens des Nordens herauf, das Bild eben des Erlkönigs, eines über diesen düsteren Gefilden schwebenden Luftgeistes, der Menschen und vor allem Kinder verschlingt.


Es überrascht nicht, dass Goethe als Botaniker, der auch für die Volkstraditionen, denen die frühe Romantik wieder zu Ehren verhalf, sehr empfänglich war, sofort sah, wie viel er aus Herders Interpretationen machen konnte. Dreißig Jahre nach Goethes Ballade machten die Elfen, nach langem Schweigen wieder von sich reden, denn sie waren im Verein mit den Zwergen, Undinen und Feen die Hauptdarsteller in den Märchen, die nun von bedeutenden Schriftstellern gesammelt und publiziert wurden. Seit 1813 von E. T. A. Hoffmann und in den Jahren 1812 bis 1822 von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm. Susanne Fischer schreibt in ihrem Buch „Blätter von Bäumen“: „Im Erlenbaum lebt die Arle, Irle oder Else, wie die Erlenfrauen alle genannt wurden. In ihrem Namen hört man förmlich das Murmeln des Wassers. Gefährlich sind sie für einen verirrten Wanderer, den sie in die Tiefe ziehen können“ In der Wolfdietrichsage, die im 13. Jahrhundert verfasst wurde, wird von solch einer Erlenfrau erzählt. Die raue Else erscheint nachts am Lagerfeuer. Schuppig wie ein Baum ist ihre Haut und wirr wie die Flechten in den Bäumen ihr Haar. Den erschreckten Wolfdietrich fordert sie auf „sie zu minnen“. Entsetzt lehnt er ab. Am liebsten wäre er geflohen. Die raue Erlenfrau erkennt, dass ihr Bitten umsonst ist, und so verzaubert sie ihn erst einmal.Jetzt legt sie einen Schlafzauber über ihn, so dass er schlaftrunken zu Boden sinkt. Sie schneidet ihm zwei Haarlocken vom Kopf und zwei Fingernägel, die sie als Pfand behält. Dadurch ist er ihr verfallen. Ein halbes Jahr läuft er wild und ohne Besinnung durch den Wald, schläft in Höhlen und ernährt sich von Kräutern. Ein Engel endlich, bittet die Zauberin, den Bann rückgängig zu machen. Das Märchen endet damit, dass die raue Else sich in eine schöne Frau verwandelt. Die alten Iren glaubten, dass der erste Mann einer Erle, die erste Frau einer Eberesche entsprang. Also eine Parallele zum Edda-Mythos, von der Erschaffung der Menschen aus askr ( Esche ) und embla ( Ulme ).

In der Umgebung Trippstadts findet man die Schwarzerle und Grauerle an Bachläufen und sumpfigen Stellen. Wer zur richtigen Zeit vorbeikommt kann vielleicht auch einmal eine der Elfen sehen, die so eng mit diesem Baum verbunden sind.
hukwa 

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