Freitag, 26. Juni 2009

Eine Begegnung

Es war in einem herbst vor vielen Jahren als sich diese Begegnung abspielte. Der Wald stand in seinem bunten Altweibersommerkleid und Abertausende kleiner Sinnweben durchwoben die Bäume und Sträucher des Indian Summers. Eicheln und Kastanien blinkten im bunten Laub der Bäume, in den schon kühlen Nächten zeigten sich die Sterne wie funkelnde nie erlöschende Diamanten. Denn Sommer über hatte ich mich fast ausschließlich im Freien aufgehalten während der Tage und Nächten. In einem einsamen abgelegenen Waldstück hatte ich mir ein Zelt errichtet und verbrachte viele einsame Tage dort. Ich las in jener Zeit intensiv Bücher über Schamanimus und versuchte das angelesene Wissen praktisch umzusetzen, indem ich den Versuch unternahm durch Naturrituale mein Bewusstsein zu steigern. So entstand ein verwandtschaftliches Verhältnis zu den mich umgebenden Naturerscheinungen. Eine vorbeiziehende Wolke konnte mich in wahre Ekstase versetzen und der Mond zog mich in den Nächten magisch an. Irgendwie gelangte ein Büchlein über indianische Astrologie in meine Hände und ich las es anfangs mit keinem allzu großem Interesse. Nach diesem Buch ist der Buntspecht das Tier das meinem persönlichen Element entsprecht. Dies machte mich stutzig den ich habe zum Buntspecht immer eine recht gute Beziehung gehabt. Bei meinen täglichen Waldgängen verweilte ich nun immer länger an den Plätzen wo ich einen Specht klopfen hörte. Das Zelt stand in der Nähe eines Spechtbaumes, einer alten abgestorbenen Kiefer die immer wieder von Spechten angeflogen wurde. Ich begann nun den Specht zu beobachten der immer an diesem Baum sich zu schaffen machte. Es war ein großer Buntspecht. Oft saß ich unter der Kiefer während der Specht an ihr trommelte. Manchmal klopfte ich mit dem Knauf meines Messers an den Stamm, der Specht stellte dann sofort sein Trommeln ein, begann aber gleich wieder sobald ich mit meinem Klopfen aufhörte. So ging das tagelang. Mir ging die Geschichte die Ovid in seinen Metamorphosen erzählte durch den Kopf: Picus, der König Latiums, ein Sohn Saturns war ein berühmter Wahrsager. Er hatte eine Zauberin geheiratet, Canente, die Tochter des Janus, deren Gesang die wilden tauben bezauberte und Bäume und Felsen in Bewegung setzte. In die Schönheit des picus waren die Dryaden, die Nymphen des Eichbaums verliebt, aber unglücklicherweise auch die schreckliche Kirke,, die ihn, weil er sie abwies und seiner Gemahlin unerschüttlich treu blieb, in einen Specht verwandelte. Ich nannte den Buntspecht mit dem ich mich öfters unterhielt Picus. Oft wusste ich damals nicht, ob er mir nachflog oder ob ich ihm auf meinen Waldgängen folgte. Als ich eines Morgens im Zelt aufwachte, noch in Decken gehüllt und durch den geöffneten Eingang den frühen Raureif beobachtete, kam er plötzlich angeflogen. Er saß direkt vorm Eingang und starrte mich aus seitlicher Haltung an. Ich weiß nicht mehr wie lange wir uns anschauten, mir war damals bewusst der Specht kam wegen mir. In mir war ein Gefühl tiefer Freude. Während wir uns ansahen teilten wir uns gegenseitig mit. Irgendwann flog er auf und davon. Von da an hörte ich ihn nicht mehr. Mir war klar der Specht war an diesem Morgen gekommen um sich von mir zu verabschieden. Wenn ich heute einen Band Ovid aus dem Bücherregal hole ist mir immer diese Begegnung gegenwärtig.
hukwa

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