Dienstag, 15. Februar 2011

Merlin in der Baumkunde


Wer sich mit der Mythologie und Geschichte des Baumkultes in Europa beschäftigt, wird unweigerlich auf die geheimnisvolle und sagenhafte Gestalt von Merlin treffen. Neben der Eiche gibt es drei weitere Baumarten die ihm zugewiesen werden. Der Weißdorn, die Kiefer und der Apfelbaum.
In dieser Abhandlung interessiert uns Merlin als „Waldmensch“ der untrennbar mit dem europäischen Baumkult verbunden ist, denn er scheint Seher und Prophet gewesen zu sein, der durch die Bäume sprach. Als solcher hatte er an der Seite von König Artus, dem er zur Einrichtung des Ordens der Tafelrunde geraten hatte, gegen die barbarischen Eroberer der Bretagne gekämpft.
Wegen des Todes seiner Brüder dem Wahnsinn verfallen und der Gesellschaft der Menschen überdrüssig, zog er sich in den Wald von Broceliande zurück, den er nur noch verließ um düstere Prophezeiungen zu machen über die dem Bösen verfallene Welt. Diesem Bösen muss Merlin zeitlebens begegnet sein, den der Mythos berichtet er sei ein Sohn finsterer Mächte und seine Mutter sei eine Nonne gewesen, der Vater der leibhaftige Teufel. Was wohl nichts anderes bedeuten kann, als das er zwei Seelen in sich trug, das gute und das Böse. An jenem Tag als er der Fee Vivianne begegnete, besiegte er das Böse in sich. Er der mächtigste aller Zauberer lehrte Vivianne seine ganze Zauberkunst und ließ sich zuletzt von ihr in einem „Glashaus“ einschließen, nach anderen Berichten verschwand er in einer Höhle hinter einem Weißdornbusch. Nach Jean Markale und seinem Buch „Merlin Enchanteur“ soll dieses „Glashaus“ eine geschlossene Welt in der Mitte des Waldes darstellen, die in ihren unsichtbaren Mauern eine jenseitige Welt einschließt wohl das keltische Autre Monde. Also eine Welt in einer anderen Sphäre, die Ähnlichkeit mit einem Obstgarten hat. Hier findet die Dyade statt, die heilige Vermählung des göttlichen Bruders, mit der göttlichen Schwester. Fern unserer Welt leben sie in vollkommener, harmonischer Liebe, die sie ihrem Wesen nach von der Gesellschaft trennt. Merlin und Vivianne genügen sich selbst und benötigen diese Welt nicht mehr, sie leben sozusagen in einer Noos- Sphäre. Sie stellen ähnlich wie Adam und Eva, die Welt vor dem Sündenfall dar, also bevor sich der Mensch der äußeren Welt bewusst war. Nach J. Brosse: „Merlin und Vivianne ziehen sich von einer profanvisierten, unwiderruflich dem Untergang verfallenen menschlichen Welt zurück und kehren miteinander zum Ursprung, zum Naturzustand zurück, in diesen Obstgarten, wo sie als Herren der Pflanzen und Tiere regieren, schützen, was noch zu retten ist, und, unsichtbar geworden, die Wiedergeburt des Heiligen vorzunehmen“.
Wir haben es hier mit einer Geschichte zu tun die weit über die keltische Welt hinausweist und ihre Ursprünge im prähistorischen hat.
Nach Robert von Ranke – Graves dürfte jener Obstgarten identisch sein mit der „Insel der Apfelbäume“, in der „weißen Göttin“, schreibt Graves:“Glastonbury oder Inus Gutrin, ist auch die Isle of Avalon (Insel der Apfelbäume)“.
Der Bezug Merlins zu den Bäumen, also zum europäischen Baumkult, seine Rolle als Waldmensch ist tief im Schamanimus verwurzelt, Brosse schreibt hierzu: „…Die Birke, der typischste der Schamanistischen Bäume, und die Apfelbäume, mit deren Zweigen die Feen Sterbliche, in ihr Reich, die jenseitige Welt locken. Manche texte präzisieren, das Merlin gelegentlich unter einem Apfelbaum lehrte. Noch wichtiger in seiner Geschichte, ist die Kiefer, die sich oberhalb des Brunnens von Barenton in der Mitte der Lichtung des memeton erhebt. Dieser Brunnen ist die Wohnstatt Viviannes, die also eine Nymphe ist. Vivianne die Verkörperung der Quelle, hat magische Kräfte. Sie lässt es regnen, mehr noch, wenn man Wasser auf die Treppe gießt die den Brunnen umgibt, kann man ein erhebliches Gewitter heraufbeschwören; im übrigen heilt das Wasser des Brunnens die Tollheit, wie Vivianne Merlin von seinem Wahn befreit hatte. J.Markale betont das der Brunnen von Barenton niemals wie die Mehrheit der bretonischen Quellen christianisiert wurde, sondern durch die Jahrhunderte heidnisch geblieben ist, was die Bewohner der Gegend allerdings nicht daran hindert, sich in Dürrejahren dorthin zu begeben, und Geistliche schreiten der Prozession zügig voran“.
Die Quelle, die Kiefer, die Nymphe Vivianne, alles spricht hier für das Reich der großen Mutter, der „weißen Göttin“, wie sie Ranke – Graves für uns erforschte. Mit den Worten von Heinrich Zimmer: „…Es ist die Stätte des ewig Weiblichen, Stätte der Zeitlosigkeit und des unerschöpflichen Lebens, Quelle des Todes, aus dem das leben sich ständig wiedergebiert. Es ist der geheimnisumwobene Ort, von zahllosen Helden in Märchen und Legenden der ganzen Welt aufgesucht, unter vielen historischen Verwandlungen wieder zu erkennen: er gehört zu unserem universalen Vorrat archetypischer Sinnbilder. Die Fassung, die uns die keltischen Märchen und der Artuszyklus übermitteln, stammt aus dem mythischen Bilderschatz der altertümlichen mutterrechtlichen Ordnung, wie sie der vorkeltischen Kultur des westlichen Frankreichs und der britischen Insel eigen war. Im Reich der Mütter findet das schweifende Mannkind heim zum Mutterstamm von der Urmutter her. Hierher ist er gekommen- zu diesem verborgenen Heiligtum des Urquells-, um das Rätsel von Leben und Tod zu lösen. Hier wird er die langersehnte, lang versagte Antwort finden. Durch sein Orakel wird er vom mütterlich –weiblichen empfangen, von der unausgesprochenen intuitiven Weisheit der Lebenskraft, in deren leibhaftiger Gegenwart ihm das Geheimnis ihrer ständig erneuerten Wiedergeburt von Generation zu Generation gewahr wird“.
Zweifelsfrei spielt Vivianne die Rolle der „großen Mutter“, sie holte Merlin aus dem Männerbund der Tafelrunde zurück ins Reich der Mutter- der alten Göttin Gaia. Nach meiner Ansicht war Merlin nicht der Sohn des Teufels, sondern der Sohn Pans. In der keltischen Mythologie gibt es gar keinen Teufel. Pan wurde ja von der Kirche verteufelt. Der Ur- Merlin, der nichts anderes als ein Schamane sein konnte, war eindeutig ein Initiierter des Waldes, der Teufel jedoch ist eine Gestalt der christlichen Zivilisation. Das keltische Gegenstück des Pans war der Gott Cernunnos. Erst Robert de Boron machte Merlin in seinem Merlinroman zum Sohn des Teufels. Merlin aber ist durch und durch heidnischer Natur. Er besitzt magische Macht über die Wesen der Natur, die Fähigkeit seine gestalt zu vertauschen und kann in die Zukunft schauen, all diese Dinge sind typisch für einen Schamanen, einen, Eingeweihten der Wälder. Doch vor allem sein Bezug zu Bäumen zeichnen ihn als Herr des Waldes aus. So lesen wir bei Brosse: „Die Kiefer von Barenton hat Merlin nach Art der Schamanen bestiegen; in ihren Wipfeln, hat er die höchste Erkenntnis erlangt, und hier wohnt er seit dem, denn das „Glashaus“ ist nichts anderes als die Spitze des grünen Baumes, wo Merlin schließlich die Gesamtheit all seiner Kräfte zuteil wurde: die Gabe des Hellsehens, die Verwandlung, die Unsichtbarkeit, die Allgegenwart der Macht über die Elemente, die Gabe die Sprache der Tiere (und der Orakelbäume) zu verstehen und ihnen zu befehlen, die Gabe der Heilkunst und manchmal der Wiedererweckung vom Tod, die Gabe, Quellen hervorzurufen, Wesen und Dinge erscheinen zu lassen, die nicht existieren, auf das Pflanzenreich einzuwirken und sich fliegend durch die Luft zu bewegen. Dieselben Kräfte schreibt aber die literarische Überlieferung in Irland und Wales, auch den Druiden zu, und die sibirischen Schamanen nehmen sie auch für sich in Anspruch“,
Jean Markale beschreibt in seinem Buch „die Druiden – Gesellschaft und Götter der Kelten“ folgendes. „So betrachtet, ist der Druide ein „Medizinmann“ in der Art des Schamanen, in dessen Nähe er vor allem durch seine magischen Inkanationen rückt, da der Schamane seine ekstatische Reise mit dem Ziel unternimmt, in den Grenzregionen der Autr Monde die Seelen eines Kranken, eines Verletzten, eines Sterbenden oder gar Toten aufzusuchen. Wir werden noch auf andere Analogien zwischen dem Druidentum und dem Schamanismus stoßen, auch wenn dafür gewisse Positionen der Schule von George Dumezil aufgegeben werden müssen, nach der die Wurzeln des Druidentums ausschließlich innerhalb des indoeuropäischen Bereichs liegen. Man sollte aber keine Informationsquelle ungenutzt lassen, vor allem weil bekannt ist, welche Bedeutung der Schamanismus in Zentralasien und Mitteleuropa gehabt hat- und von dort kamen ja auch die Kelten.“
hukwa

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