Sonntag, 5. November 2023

Das Begräbnis des Patroklos

Eine Abhandlung zur vergleichenden Mythologie

Patroklos ein Freund des Achilleus, mit dem er zusammen erzogen worden war, hatte beim Würfelspiel versehentlich einen Knaben erschlagen, er floh zu Peleus wo sich auch Achilles befand. Mit ihm zog er nach Troia und kämpfte mit Hektor. Bei seinem vierten Angriff auf die Mauern Troias betäubte ihn Apollon durch einen Schlag, so fiel er in die Hände Hektors, der ihn tötete. Seine Rüstung wurde eine Beute des Hektor, sein Leichnam aber von Menelaos gerettet. Achilleus rächte den Patroklos, tötete Hektor vor den Mauern Troias im Kampf, da er die Schwachstelle der Rüstung hektors kannte und leitet damit die Wende des Krieges ein.

Rohde hat in dem Bestattungsritual bei Patroklos einen uralten einst lebendigen Glauben nachgewiesen (Psyche I, 14.):

Am abend des Tages, an dem Hektor erschlagen ist, stimmt Achill mit seinen Myrmidonen die Totenklage um den Freund an; dreimal umfahren sie die Leiche; Achill, dem Patroklos die „mörderischen Hände“ auf die Brust legend, ruft ihm zu; „Gruß dir, mein Patroklos, noch an des Aides Wohnung“; was ich dir zuvor gelobt, das wird jetzt alles vollbracht. Hektor liegt erschlagen als Beute der Hunde, und zwölf edle Troerjünglinge werde ich an deinem Totenfeuer enthaupten. Nach Ablegung der Waffen rüstet er den Seinen das Totenmahl, Stiere, Schafe, Ziegen und Schweine werden geschlachtet, „und rings strömte mit Bechern zu schöpfen, das Blut um den Leichnam“. -

In der Nacht erscheint dem Achill im Traume die Seele des Patroklos, zu eiliger Bestattung mahnend. Am Morgen zieht das Myrmiodenheer in Waffen aus, die Leiche in der Mitte führend; die Krieger streuen ihr abgeschnittenes Haupthaar auf die Leiche; zuletzt legte Achill sein eigenes Haar dem Freunde in die Hand:

einst war es vom Vater dem Flussgott Spercheios gelobt, nun soll, da Heimkehr dem Achill doch nicht beschert ist, es Patroklos mit sich nehmen. Der Scheiterhaufen wird geschichtet, viele Schafe und Rinder geschlachtet, mit deren Fett wird der Leichnam umhülltre Leiber werden umhergelegt, Krüge voll Honig und Öl um die Leiche gestellt. Nun schlachtet man vier Pferde, zwei dem Patroklos gehörige Hunde, zuletzt zwölf, von achill zu diesem Zwecke lebendig gefanene troische Jünglinge; alles wird mit dem Leichnam verbrannt; die ganze Nacht hindurch gießt Achill dunklen Wein auf die Erde; die Psyche des Patroklos herbeirufend. Erst am Morgen löscht man mit Wein das Feuer, die Gebeine des Patroklos werden gesammelt, in einen goldenen Krug gelegt und im Hügel beigesetzt.“ Patroklos und später auch Achilles werden auf die Insel Leukos entrückt.

Hier haben wir es mit einem Seelenkult aus vorhomerischer Zeit zu tun, einem urzeitlichen Seelenglauben.

Man findet im Patroklos-Mythos einige Rituale, die sich auch bei anderen Völkern finden. So das Haare abschneiden, die Entrückung auf eine „Zauberinsel“ und die Leichenverbrennung.


Das Haar galt bei vielen Völkern als Sitz der Kraft (z.B. Simsonlegende, mit dem Verlust seiner Haare, verliert der Held auch seine Kraft.). Als ein symbol des Lebens wird das Haar als stellvertretende Gabe statt eines Menschenopfers, dem Toten geweiht oder auch dem Gotte, in dessen Schutz man sich stellt.

Die vergleichende Mythologie geht davon aus das dass Verbrennen des Körpers aus Zeiten des Nomadentums stammt.

Die wandernden Stämme hatten keine bleibenden Wohnsitze, der Krug (Urne) mit der Asche konnte man mitnehmen.

Die in Griechenland verbreitete Trauersitte, sich Asche aufs Haar zu streuen, wird auch von Homer bezeugt. Indische Yogis bedecken ihren Körper mit Asche als Ausdruck das sie das weltliche überwunden haben. Der Asche wird kathartische und apotropäische energie zugeschrieben. Asche gilt als geläuterte Materie, aus der der Phönix wieder aufersteht. Der atztekische Gott Quetzalcoat hat aus Asche die Menschen geschaffen.

Jakob Grimm hat angenommen das Verbrennen des Körpers sei eine Weihe an den Gott. Da durch Vernichtung des Leibes mit Feuer eine Abtrennung der Seele vom Körper erfolge und der verstorbene somit nicht mehr als Wiedergänger erscheinen konnte. Wer auf Reisen oder im Kriege starb dessen Leib verbrannte man und schnitt ihm ein Glied vom Körper ab um ihn zu Hause zu bestatten, damit ihm der ihm zustehende Kult zuteil wurde.

Die mythische Geographie weiß von einigen Inseln, Orten und Höhlen wohin die Heroen und Helden „entrückt“ wurden.

Patroklos als auch später Achilles wurden auf die „Insel der Seligen“, Leuke, entrückt. Ein Eiland dass seinen Namen von einer Nymphe erhielt. Diese, verwandelte sich, verfolgt von Hades in eine Silberpappel und wächst seither am Fluss der Erinnerung (M). Wahrscheinlich war sie eine Tochter der flussgottheit Lethe. Dieser Strom des Vergessens aber auch der Erinnerung

(Mnemosyne) bildete die Grenze zwischen dem Tartaros, der Hades unterstand, und dem von Kronos regierten Elysium, den Gefilden der Seligen. Diese Insel stelllt eine Art Paradies dar, das von wilden, aber gezähmten Tieren bevölkert ist und in dem sich die Helden nach ihrem Tod ausruhen. Bei den Griechen galt die Silberpappel als Symbol des lichten Todes im Gegensatz zur Schwarzpappel, die als unheilbringend galt.

Die „Insel der Seligen“ ist ein Ort mythischer Geographie ähnlich Avalon, Shambala und Atlantis.

Über die Insel Leuke schreibt Rohde:

Man will sie wiedererkennen in der „Schlangeninsel“, die vor der rumänischen Küste liegt. Es war eine unbewohnte, dicht bewaldete, nur von zahlreichen Vögeln belebte Insel, auf der ein Tempel und ein Standbild des Achill sich vorfand, darin ein Orakel, jedenfalls (da es ohne menschliche Dazwischenkunft fungierte) ein Losorakel, dessen sich die Anlandeten selbst bedienen konnten.

Die Vögel- wohl als Verkörperung von Heroen gedacht- reinigen jeden Morgen mit ihrem im Meerwasser benetzten Flügeln den Tempel. Menschen dürfen auf der Insel nicht wohnen, aber oft landen Schiffe auf ihr, die dann vor der Nacht (wo die geister umgehen) wieder abfahren müssen. Der Tempel zeigte zahlreiche Weihegeschenke, griechische und lateinische Inschriften; opfer brachten die Landeten dem Achill von den Ziegen die auf der Insel ausgesetzt waren und dort wild lebten. Bisweilen erschien achill des Besuchern der Insel, andere hörten ihn den Päan (feierlicher Gesang zur verehrung Appolons) singen. Helena ist ihm als Gattin zugeteilt; auch die beiden Aios und Antilochos sind auf diese Insel entrückt“.

Die „Insel der Seligen“ gehört also zum Totenreich. Allerdings besteht keine Ähnlichkeit mit dem Hades. Es gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen der Mythologie Griechenlands, das zwischen Homers Mythologien und denen des Volkes oft starke unterschiede bestehen. Das berüchtigte „Reich der Schatten“, ist eine literarische Schöpfung Homers. Seit den frühen Tagen der Homerforschung besteht ein Streit um die Lage des homerischen Totenreichs. Manche vermuten es unter der erde andere wieder oberhalb.

Erwin Rohde der nicht nur ein Kenner der Werke Homers war sondern sich auch intensiv mit der griechischen Volksmythologie auseinandersetzte schrieb:

Die Unterwelt (auch erebos=unterirdische Finsternis) ist durch ein Gewässer von der Oberwelt abgegrenzt; die Toten werden von einem Fährmann (Charon) übergesetzt. Die ilias kennt als einzigen Unterweltsfluss, die schwarze Styx, die Odysee, nennt noch den Acheron, mit seinen Nebenflüssen. Die im einzelnen schwankenden Vorstellungen deuten jedenfalls daraufhin, dass man sich gewaltige Unterweltsströme dachte, mit denen die Gewässer der Oberwelt in Zusammenhang stehen; gewisse stellen des griechischen Festlandes, galten als Zugänge zum Hades. Den lebenden brachte der Genuss stygischen Wassers den Tod, konnte aber auch (wie bei Achill das Styxbad) unsterblichkeit verleihen.“

Das Elysium, ist ein schönes Eiland, wo ewiger Frühling herrschte. Dort gelangen nur Seelen hin, denen die Götter, besonders gewogen waren. 

hukwa 


Literaturhinweise:

Homer: Ilias.

E.Rohde: Psyche.

H.Wagner: Mythos Schmied.