Von Gestalten zu künden,
die in neue Körper verwandelt wurden,
treibt mich der Geist.
Ovid- Metapmorphosen
Es gibt eine Kontinuität aller Lebensformen die zurückreicht zu dem einen Urprinzip das die Vorsokratiker Apeiron nannten. Dies ist der gemeinsame Ursprung allen Lebens. In der ewigen Gegenwart unserer Existenz, vor unserer Geburt, in unserer Jetztzeit, nach unserem Tod, bleibt alles miteinander verbunden. Von der kleinsten Pflanze bis hin zum Menschen fließt alles in diesem und durch diesen Lebensstrom. In ihm taucht alles Leben auf und verschwindet wieder um irgendwann, irgendwo von Neuem zu existieren. Dieser Lebensstrom in dem wir fortwährend mitfließen ist ständig auf der Suche nach neuen Lebensformen, es ist das „alles fließt“ des Heraklit.
Aldo Leopold schrieb 1949 in seinem Buch „Ein Jahr in Sand County“ über das Leben zweier Atome die er X und Y nannte: „Seit die Meere des Paläozoikums das Land bedeckten,verharrte X eingeschlossen im Kalksteinfelsen schon eine Ewigkeit, die nicht zu vergehen schien, doch das änderte sich, als die Wurzel einer kletterfrüchtigen Eiche sich in einen Riss schob und anfing zu schnüffeln und zu saugen. Der Fels zerfiel in der Blitzesschnelle eines Jahrhunderts und X trat in die Welt der lebendigen Dinge hinaus, wo es eine Reihe von Gestalten durchlief: Er half dabei,eine Blüte zu bilden, die zur Eichel wurde,die einen Hirsch mästete, der einen Indianer ernährte,kam irgendwann zurück in den Boden, landete in einem Würzelchen des Bartgrases, und in noch vielen weiteren Pflanzen und Tieren“.
Im zweiten Teil kommt ein Atom namens Y vor das beginnt die Welt auf unökologische Weise zu zerstören. Dieses „Säugetier Y“ ist der Mensch. Zum abschluss schreibt Aldo Leopold: „Die einzige sichere Wahrheit lautet:Ihre Geschöpfe müssen stark saugen, schnell leben und oft sterben.“
In ihrem Buch „Gaia“ stellt Elisabeth Sahtouris eine interessante These auf:
„Unser Baumaterial besteht letzten Endes aus „Sternenstaub“ oder aber, wenn man nicht so weit zurückgeht, aus einem Bestandteil unserem Planeten- nämlich dem Gestein, in das dieser Sternenstaub transformiert wurde...Und genauso wie die Lebewesen aus Atomen zusammengesetzt sind, die früher Bestandteil von Mineralien waren, sind fast alle Felsen der Erdoberfläche aus Atomen aufgebaut, die früher einmal Bestandteile von Lebewesen waren. Und diese Lebewesen waren wiederum aus Atomen zusammengesetzt, die vorher Mineralien konfigurierten“.
Der russische Wissenschaftler V.I. Vernadsky stellte eine These vom „Dispersion des Gessteins“ auf, in der das Leben auf der Erde, eine sich über Milliarden Jahre erstreckende Umgestaltung des Gesteins ist. In deren Verlauf sich dieses von der Mikrobe zum Menschen in immer kompliziertere Lebensformen transformiert. Ähnlich hat sich auch Theodore Roszak in seinem Buch „Mensch und Erde auf dem Weg zur Einheit“ ausgesprochen: „All die lange Naturgeschichte der Erde, tragen wir in uns. Das Salz uralter Meere findet sich noch in unserem Blut.Der Rhythmus des Mondes hallt im Zyklus des weiblichen körpers wider. Die Gestalten unserer evolutionären Vorfahren wiederholen sich wie Erinnerungen in jedem menschlichen Embryo. Wir wurden aus den Substanzen der Erde geschaffen. Ihre Elemente,ihre Zyklen, ihre Schwerkraft-Umarmung, ihre feinen Schwingungen durchdringen immer noch unsere Natur. Milliarden Jahre tief in das Gewebe von Leben und Geist hineingewirkt.
Selbst unser wunderliches Bewusstsein das uns von all dem entfremdet, erhebt sich aus irgendeinem unerklärlichen Potential ihres elementaren Stoffes.Genügen ein paar Generationen Urbanisation und ein oder zwei Jahrhunderte wissenschaftlicher Skepsis wirklich, um uns von dem Gefühl des lebendigen Austauschs mit der Erde abzuschneiden,das einst universales wissen unserer Rasse war? Keiner der auch nur einen Schimmer von dieser lebendigen Kontinuität erfahren hat, wird Mühe haben zu akzeptieren, dass unsere Bestimmung an die Bedürfnisse und den Willen der erde geknüpft sind. Vielleicht fehlt uns nur der Mut auszusprechen, was wir wissen“.
„Pantha rei“, alles fließt, sagte Heraklit, und meinte damit nichts anderes als eine physkalische Realität.
Gregory Bateson sprach es ähnlich aus:
Der individuelle Geist ist allgegenwärtig, aber nicht nur im Körper. Er wohnt auch den Kommunikationswegen und Botschaften außerhalb des Körpers inne, und es gibt einen umfassenderen Geist, von dem der individuelle Geist nur ein Teilsystem ist. Dieser umfassendere Geist ist vergleichbar mit Gott und ist vielleicht das, dass manche Menschen mit „Gott“ meinen, aber es ist dennoch dem umfassend verwobenen sozialen System und der planetaren Ökologie immanent“.
Dieser Meinung ist auch der Philosoph Peter Koestenbaum: „Es gibt keine bestimmten Grenzen, jenseits derer Geist, zu Materie wird, der Raum der Begegnung ist eher wie ein langsam dichter werdender Nebel“.
„Jeder einzelne Körper ist eine Reise, die gerade stattfindet. So hören ganz nach platonischer Tradition die Seelen auch nach dem Tod nicht auf, zu reisen und das Fahrzeug zu wechseln“, meint Emanuele Coccia.
Menschen verwandeln sich zu Tieren und Pflanzen und diese wieder zu Menschen und Sternen. Die Entelechie kennt kein Endziel, sie ist ständige Wandlung in den Wechselwirkungen des Da-seins.
Jedes einzelne Leben ist eine Metamorphose. Die Entelechie ist nach Aristoteles zugleich ein Formprinzip als auch ein Entwicklungsprinzip. Lebenssinn jedes Wesens ist die Selbstverwirklichung seiner Form, das „werde der du bist“.
Ohne Zweifel- beim Nachdenken über die ökologischen Verwüstungen des Planeten, muss uns bewusst werden, das die Spezies Mensch dabei ist die Ökologie der Erde in eine Gefahr zu bringen, die ihn und andere Erdwesen dem Abgrund nahebringt. Wie passt nun dieses „Böse“ in die Lebensformen ökologischer Reinkarnationen hinein? Vielleicht finden wir die Antwort im ältesten Fragment der europäischen Philosophiegeschichte:
Der Ursprung der Dinge ist das Grenzenlose. Woraus sie entstehen, darein vergehen sie auch mit Nortwendigkeit. Den sie leisten einander Buße und Vergeltung für ihr Unrecht nach der Ordnung der Zeit,“ so der Vorsokratiker Anaximander.
Unser Leben ist immer ökologisch. Wir sind verbunden mit der großen Weltfamilie, mit Baum, Tier und Pflanze. In dieser Gemeinsamkeit spielt sich unser Dasein ab.
Im Phaidros geht Platon davon aus, dass die Seele des vollendeten Menschen gefiedert wie ein Vogel ist und die Seele des unvollendeten Menschen ungefiedert:
Die vollkommene nun und befiederte schwebt in den höheren Gegenden und waltet durch die ganze Welt; die entfiederte aber schwebt umher, bis sie auf Starres trifft, wo sie nun wohnhaft wird und einen erdigen Leib annimmt“.
Die befiederte Seele wird getragen durch das verbindende Sein, die ungefiederte durch das Nichtsein, dass noch nicht erkannte Sein. Die Seele folgt dem Gesetz der Individuation, sie strebt nach Vollkommenheit. Was bedeutet dass sie so oft wieder ins irdische Dasein zurückkehrt bis sie Vollkommenheit erreicht hat. „Daher ist es unmöglich, dass eine sich selbst tragende Wesungsform zu sein aufhört“, schreibt Th. v. Aquino. Es wird nach östlicher Reinkarnationslehre nicht das selbe Individuum wiedergeboren, sondern dass im früheren Leben erreichte Karma wird zum Ausgangspunkt des „neuen Lebnens. So geht Th.v.Aquino davon aus dass der irdische Leib nur ein Werkzeug ist um eine seelische Verwandlung herbei zu führen.
Glenn H. Mulin fasste das in folgende Worte: Es ist die Theorie, dass alle unsere Handlungen – seien sie positiv, negativ oder neutral – eine Einprägung in unserem Bewusstsein hinterlassen, die später als eine Art unbewusste Vorprägung wirkt“.
Lehren von der Seelenwanderung, von Wiedergeburt, Metempsychose und Palingenesie finden wir vor allem östlichen Philosophie aber auch in den abendländischen Überlieferungen, bei den Pythagoreern, Orphikern, bei Platon und Plotin. Es ist die tiefe Verankerung der menschlichen Seele im kosmischen Sein.
Der tibetische Lamaismus hat die Wiederverkörperungslehre wohl am intensivsten erforscht.
© hukwa
Literaturverzeichnis:
Platon: Phaidros.
Theodore Roszak: Mensch u.Erde auf dem Weg zur Einheit.
Gregory Bateson:
Aldo Leopold:
Gleen H. Mulin: Die Schwelle zum Tod.
Ovid: Metamorphosen.
Elisabeth Sahtouris: Gaia.
Emanuele Coccia: Metamorphosen.